Vortragssession II

Von 15.30 – 17.00 Uhr - Präsentation telemedizinischer Projekte und Anwendungen in Bayern.

Prof. Dr.-Ing. Petra Friedrich
CoKETT Zentrum, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kempten
COMES® - COgnitives MEdizinisches System. Die intelligente Art, Gesundheit zu verknüpfen

COMES® versteht sich als eine mobile Diagnose- und Therapieplattform. Zu Hause und unterwegs können COMES®
Anwender – unabhängig von Arzt, Krankenhaus oder Betreuungspersonal – ihre individuellen Parameter mit
zertifizierten COMES® Messgeräten erfassen und messen. Einfach, schnell und sicher werden die Werte zum
COMES® Datencenter übermittelt; die Rückmeldung erfolgt, umgehend über das medizinische Expertenzentrum
oder – ganz nach Wunsch - direkt vom Hausarzt auf das persönliche Mobiltelefon. Bei medizinischen Problemen
oder Unregelmäßigkeiten können so unverzüglich die notwendigen Maßnahmen eingeleitet werden. Die jederzeit
mögliche Übersicht der körperlichen Vitalparameter gewährleistet optimale gesundheitliche Sicherheit.




Prof. Dr. med. Martin Middeke
Hypertoniezentrum München im Herzzentrum Alter Hof München
MART - Münchner Arterielle Hypertonie Register Telemedizin

Das telemetrische Monitoring (telemetrische Datenübertragung) der selbst gemessenen Blutdruck-
und Herzfrequenzwerte aus der Häuslichkeit und die damit verbundene Therpiesteuerung mittels moderner
Kommunikationswege (Mail, SMS, Tel) ist ein viel versprechendes Verfahren, um die dauerhafte
Blutdruckeinstellung und Therapie -Adhärenz zu verbessern.
Hiervon können insbesondere Risikopatienten, z. B. mit schwer einstellbarer Hypertonie, hypertensiven
Krisen, Schwangerschaftshypertonie und weiteren Indikationen profitieren. Im Münchner Register sind
derzeit zweiundneunzig entsprechende Patienten und deren Verlauf erfasst.

Indikationen:
• Schwer einstellbare Hypertonie
• Therapierefraktäre / resistente Hypertonie
• Hypertensive Krisen
• Komplexe Medikamentenumstellung / Neueinstellung
• Gewichtsmanagement bei adipösen Hypertonikern (BD-und Gewicht-Monitoring)
• Kontrollierter Auslaßversuch
• Schwangerschaftshypertonie




Hans Demski
Helmholtz Zentrum München, Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, Neuherberg
EMPOWER - Ein innovatives, webbasiertes Softwaresystem zur Unterstützung von Patienten
im eigenverantwortlichen Umgang mit Diabetes


Das EMPOWER Projekt entwickelt ein innovatives Softwaresystem zur Unterstützung von Patienten mit Diabetes.
Dabei steht der Patient im Mittelpunkt und wird im eigenverantwortlichen Umgang mit Diabetes Type I oder II
geschult und motiviert.

Das webbasierte EMPOWER System zeigt auf wie sich Lebensweise und Umgebung auswirken und wie Patienten
selbstbestimmt und eigenverantwortlich mit ihrer Erkrankung leben können.

Das System ersetzt jedoch nicht die notwendige Betreuung durch den Arzt, sondern unterstützt auch ihn
durch Nutzung innovativer Konzepte wie z.B. Handlungsempfehlungen auf Basis computer-interpretierbarer
klinischer Behandlungsleitfäden.




Stefanie Reichardt
AUC - Akademie der Unfallchirurgie GmbH, München
TKmed® - das bundesweite Netzwerk für TeleKooperation in der Medizin

Seit 2012 steht mit TKmed® - entwickelt von der AUC GmbH der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie und
Technologiepartnern – ein für die flächendeckende, sektorenübergreifende multidisziplinäre Anwendung konzipierte
Telekonsultations- und Teleradiologie - Plattform zur Verfügung. Durch drei modulare Ausbaustufen eignet sich
das System für alle medizinischen Einrichtungen, vom Hausarzt bis zum Maximalversorger. Knapp 100 Kliniken
aller Versorgungsstufen, darunter die Mehrheit der BG - Unfallkliniken sind gegenwärtig vernetzt.




Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Matthias Keidel
Klinik für Neurologie, Bezirkskrankenhaus Bayreuth
„Telehealth im Smarthome“ – Teletherapie von Sprechstörungen bei Parkinsonpatienten

Parkinson ist neben der Demenz eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen des Nervensystems.
Aufgrund der demographischen Entwicklung ist zu erwarten, dass die Anzahl der Erkrankten in Deutschland
von aktuell etwa 200.000 weiter ansteigen wird.

Über 90 % der Parkinsonpatienten leiden unter einer Sprechstörung, die aufgrund der verminderten
Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen zu einer sozialen Isolation führen kann und somit die Lebensqualität
in besonderem Maße beeinträchtigt.

Innerhalb des Modellprojekts werden Parkinsonpatienten im häuslichen Bereich mittels Tele-Sprachtherapie
versorgt. Die therapeutische Leistung wird über einen Internet-basierten, audiovisuellen Online-Dialog erbracht.

Es ist davon auszugehen, dass die zeitsynchrone Teletherapie in Zukunft neue Chancen für eine bedarfsgerechte
und wohnortnahe Versorgung der Patienten im Sinne einer poststationären Behandlungskette bieten kann.




Dr. Achim Hein
EvoCare Telemedizin ECT eG, Nürnberg
Tertiärprävention und stationäre Rehabilitation mit Telemedizin – Fallbeispiel Kardiologie

Patienten der Kardiologie können zu Hause ärztlich supervidiertes, verordnetes und kontrolliertes Ergometertraining
durchführen - die kardiologischeEvoCare-TeleRehabilitation. Nach der stationären Rehabilitation wird dafür ein
10-wöchiges Trainingsprogramm zu Hause so absolviert, dass die Patienten bereits während der Rehabilitation wieder
arbeiten gehen können. Die ärztliche Supervision erfolgt aus der klinischen TeleReha-Abteilung. Die Erfahrungen der
Patientenführung sind sehr gut. Erste Zwischenergebnisse zeigen Leistungssteigerungen bei Patienten von bis zu 69%.




Uta Augustin
Deutsche Stiftung für chronisch Kranke, Fürth
EViVa – Einfluss von Videovisiten auf die Versorgungsstabilität von außerklinisch invasiv beatmeten Patienten

Die außerklinische invasive Beatmung erfordert eine engmaschige und abgestimmte ärztliche und pflegerische Versorgung.
Aufgrund der Komplexität der Behandlung ist die Einbindung fachärztlicher Expertise über spezialisierte Beatmungszentren
unabdingbar. Jedoch ist die Verfügbarkeit der fachärztlichen Expertise – sowohl im städtischen als auch erst recht im
ländlichen Raum – äußerst begrenzt. Die Inanspruchnahme der fachärztlichen Versorgung ist für den Patienten zudem oftmals
mit der Notwendigkeit eines Transports und somit einem hohen Aufwand verbunden. Des Weiteren, stellt die Komplexität der
Versorgung hohe Anforderungen an das betreuende Pflegepersonal und die Angehörigen des Patienten.

Vor diesem Hintergrund müssen Überlegungen hinsichtlich neuer, innovativer Versorgungsansätze getätigt werden, die zu
einer Verbesserung der Versorgungssituation von außerklinisch invasiv beatmeten Patienten durch eine zeitnahe Verfügbarkeit
fachärztlicher Expertise sowie der Vermeidung unnötiger Krankenhauseinweisungen führen. Die zeitnahe Verfügbarkeit fach-
ärztlicher Expertise offeriert zudem eine Entlastung für die betreuenden Pflegefachkräfte und Angehörigen des Patienten.
Ein derartiger innovativer Ansatz stellt die Durchführung telemedizinischer Videovisiten dar.

Die Deutsche Stiftung für chronisch Kranke führt aus diesem Grund ein Modellvorhaben in Kooperation mit der Klinik für
Intensiv-, Schlaf- und Beatmungsmedizin der Asklepios Fachkliniken München-Gauting durch, welches den Einfluss von
Videovisiten auf die Versorgungsstabilität von außerklinisch invasiv beatmeten Patienten untersucht.




Wolfram Ziegler, Theresa Schölderle
EKN – Entwicklungsgruppe Klinische Neuropsychologie
Klinik für Neuropsychologie, Städt. Klinikum München

Telediagnostik neurologischer Störungen des Sprechens

Eine Schädigung des zentralen oder des peripheren Nervensystems kann zu vielfältigen Bewegungsstörungen
(Paresen, Ataxie, Akinesie, Dyskinesien etc.) der Rumpf- und Gliedmaßenmuskulatur führen. Auch der
Sprechbewegungsapparat (Lippen-, Zungen-, Kiefer-, Rachen-, Kehlkopf- und Atmungsmuskulatur) kann
von solchen Störungen beeinträchtigt sein. Daraus resultieren Sprechstörungen (Dysarthrie, Sprechapraxie),
die häufig zu einer Minderung der Kommunikationsfähigkeit und einer Beeinträchtigung der Partizipation
der Betroffenen führen. In Deutschland leben schätzungsweise etwa 300.000 Menschen mit Sprechstörungen
nach einem Schlaganfall, einem Unfall, einer neurologischen Erkrankung (z.B. Morbus Parkinson) oder einer
frühkindlich erworbenen Hirnschädigung.

Die ausführliche und fachgerechte Diagnostik neurogener Sprechstörungen ist eine wichtige Voraussetzung
für die Erfassung des Schweregrads und des Behandlungsbedarfs, für die Therapieplanung und die Evaluation
des Therapieerfolgs, für die Dokumentation des Erkrankungsverlaufs (z.B. bei fortschreitenden Erkrankungen)
oder auch für die Differenzialdiagnose. Über die logopädische Standarddiagnostik hinaus gibt es verschiedene
diagnostische Parameter, die in der üblichen klinischen Untersuchung dieser Patienten nicht erhoben werden
können, da ihre Bestimmung entweder ein besonderes Know-how (Methoden der akustischen Phonetik), eine
besondere Ausstattung (Software für akustische Analysen) oder eine besondere Infrastruktur (Zugang zu
Testhörergruppen und zu spezifisch geschulten Hörern) erfordern. Um diese hoch spezifischen diagnostischen
Anwendungen auch in regionaler Breite im gesamten deutschen Sprachraum verfügbar zu machen, bieten wir
telediagnostische Leistungen über ein Internet basiertes „phonetisches Zentrallabor“ (PhonLab) an.

Der Vortrag beschreibt den medizinischen Stellenwert differenzierter Analyseverfahren in der
Dysarthriediagnostik und erläutert den PhonLab-Ansatz. Es werden Audiobeispiele präsentiert und das
diagnostische Potenzial von PhonLab wird anhand von Anwendungsdaten beschrieben.




Prof. Dr. Georg Michelson
Talkingeyes&more GmbH, Erlangen
Tele-Ophthalmologische Institut Erlangen
Interdisziplinäres Zentrum für augenheilkundliche Präventivmedizin und Imaging der Universität Erlangen

Retinale Mikroangiopathie und Opticusatrophie bei “systemisch gesunden” Personen und Schlaganfallpatienten

Hintergrund:
Die Vermeidung eines 2. Schlaganfalles ist entscheidend für die Prognose dieser Patienten. Mittels telemedizinischer
Augenhintergrundsuntersuchung durch Tele-Augenkonsil -durchgeführt in internistischen, allgemeinärztlichen oder
neurologischen Einrichtungen- kann die Risikoprognose verbessern.

Absicht:
Bestimmung der Häufigkeit von Mikroangiopathien in Netzhaut und Sehnerv bei “systemisch gesunden” Personen und
bei Patienten mit kürzlich abgelaufenen Schlaganfall.

Methodik:
Technik: Tele-Augenkonsil basiert auf spezielle photographische Aufnahmen des Augenvorderabschnittes und des
Augenhinterabschnittes, ggf. auf Untersuchungen der Sehschärfe, der Kontrastsensitivität, des Stereosehens, des
Augeninnendrucks und des Gesichtsfeldes. Damit ergibt sich ein valides Bild hinsichtlich retinaler Gefäßveränderungen,
sehkraftbedrohender Frühveränderungen wie Glaukom oder Makuladegeneration oder Degeneration retinaler Neurone
bei Schlaganfall, neurodegenerativen Erkrankungen wie M. Parkinson, Multipler Sklerose oder M. Alzheimer. Die
aufgenommenen Bilder und Daten werden von einem Facharzt für Augenheilkunde telemedizinisch befundet und in einem
Arztbrief zusammengefasst. Alle Bilder und Befunde sind mit Patienteneinverständnis weiterbehandelnden Ärzten
zugänglich.

Patienten: Mittels Tele-Augenkonsil von Talkingeyes® wurden N=1662 normotone, nicht-diabetische Patienten ohne
Systemerkrankungen im Alter von 41 bis 89 Jahren und N= 165 Patienten mit einem in den letzten 12 Monaten abgelaufenen
Schlaganfall im Alter von 41 bis 89 Jahren analysiert. Alle Fundusbilder wurden telemedizinisch von einem erfahrenen
Augenarzt mit einem standardisiertem Verfahren befundet. Dabei wurde die Kommunikationssoftware “MedStage” verwendet.
Es wurden die Auftretenshäufigkeiten von Mikroangiopathien der Netzhautgefäße und des N.opticus pro Altersdekade berechnet.

Ergebnisse:
Gesunde Kontrollen: Auch bei “gesunden” Personen zeigten sich Mikroangiopathien der Netzhautgefäße und des N.opticus,
wobei die Auftretenshäufigkeiten signifikant altersassoziiert waren: Die Auftretenshäufigkeiten stiegen bei der
Opticusatrophie von 0.8 % in der 4. Lebensdekade auf 15 % in der 8. Lebensdekade (Faktor 19) an, von arterio-venösen
Kreuzungszeichen von 2% in der 4. Lebensdekade auf 9% in der 8. Lebensdekade (Faktor 4.5). Bei Patienten mit in den
letzten 12 Monaten durchgemachten Schlaganfall waren die Auftetenshäufigkeiten von Mikroangiopathien in der Netzhaut
und im N.Opticus signifikant höher. Eine Opticusatrophie fand sich bei 30% der Schlaganfall-Patienten in der 4.
Lebensdekade (Kontrollen 0.8 %) und bei 40% der Schlaganfall-Patienten in der 5. Lebensdekade (Kontrollen 2,3 %).

Zusammenfassung:
Bei “gesunden” Personen zeigen sich auch Mikroangiopathien von Netzhaut und Sehnerv, die signifikant mit dem Alter
ansteigen. Bei Patienten mit abgelaufenen Schlaganfall ist die Auftretenshäufigkeit von Mikroangiopathien in Netzhaut
und Sehnerv bei gleicher Altersklasse dramatisch höher. Eine telemedizinische Untersuchung von Netzhaut und Sehnerv
markiert eindeutig Patienten mit abgelaufenen Schlaganfall und kann helfen einen 2. Schlaganfall zu vermeiden.




Dr. Günter Braun
Aristo Telemed AG, Oberhaching
Dialyse und Nierentransplantation – weniger wäre mehr!

Von einem Nierenversagen und einer Nierenersatztherapie sind in Deutschland aktuell etwa 100.000 Menschen
betroffen, das ist die höchste Prävalenz in Europa. Etwa 80% erhalten eine Dialyse, die rund EUR 50.000 im
Jahr kostet. In einem Projekt des bayerischen Gesundheitsministeriums hat Aristo Telemed die Zusammensetzung
der Kosten, mögliche Vorteile durch Telemedizin und die Epidemiologie der chronischen Nierenkrankheit anhand
von Daten großer Krankenkassen und Vergleichsdaten aus anderen Ländern untersucht. Das Ergebnis macht
erhebliche strukturelle Mängel und eine falsche Prioritätensetzung im deutschen Gesundheitssystem deutlich.




Moderation:
Anja Schneider
Bayerische TelemedAllianz, Ingolstadt